I, Gallipoli

Wir sind in Süditalien. Überall an den Straßen liegen Berge von Müll. Die Entsorgung scheint ein Problem zu sein, jeder Rastplatz, sogar jede Ausweichstelle auf der Autobahn ist zugemüllt, schrecklich.
Auch in Apulien begegnen uns immer wieder grauhaarige Grüppchen mit hochroten Köpfen über die Berge strampelnd. Wir beneiden sie nicht, sind aber auch nicht viel schneller, denn die Straßen sind voller Löcher und sehr uneben.
Die Halbinsel Salento am 'Hacken' des italienischen Festlandes ist bekannt für seine Küsten mit Sandstränden und steilen Klippen, Hügelorte mit weiß getünchten Häusern sowie sein Olivenöl. Und so sieht man Olivenhaine so weit das Auge reicht.

Apulien wurde 2013 als erste europäische Region vom sich rasant ausbreitenden Olivenbaumsterben und den damit verbundenen dramatischen Folgen für die durch Oliven-Monokultur geprägte Landwirtschaft betroffen.

In den fruchtbaren Küstenebenen gedeihen außerdem Mandeln, Getreide, Tomaten, Trauben, Kaktusfeigen, Feigen und Zitrusfrüchte. 
Das Agricampeggio Torre Sabea ist ein tolles Camp und wir ergattern auch noch den schönsten Platz, so bleiben wir gleich drei Tage.

Das große Famila-Einkaufszentrum neben dem Camp lädt mit seinem fantastischen Angebot an Frischwaren förmlich zum Kochen ein. So gibt es Spaghetti Vongole, uns bisher unbekannte Rosa Garnelen und am nächsten Tag Gemüse mit geräuchertem Burrata und gebratener Salciccia Picante.
Beim Kaffe Kochen kommt ständig die Sicherung, da ist unser elektrischer Wasserkocher wohl defekt. Nun müssen wir vorerst mit dem Gaskocher das Wasser erhitzen und uns nach Ersatz umsehen.
Gallipoli (19.000 EW) wurde im 7. Jahrhundert v. Chr. auf einer Felseninsel am Golf von Torent gegründet.

Seine Festung aus dem 11. Jahrhundert wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach umgebaut, die Stadtmauern stammen aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Im 17. Jahrhundert wurde die Zugbrücke, die die Festung mit dem Festland verband, durch eine gemauerte Brücke ersetzt.

Das Labyrinth der engen Straßen, den schmalen mäanderartigen Gassen und kleinen Plätzen könnte so schön sein. Es liegt ein Kreuzfahrtschiff im Hafen und es ist Wochenende. So platzt die kleine Insel aus allen Nähten.
Es sind nur einige Straßen verkehrsberuhigt, an den anderen wurde das schöne alte Kopfsteinpflasten mit Asphalt überzogen, so dass die Autos schnell und ohne große Laufgeräusche vorbeibrausen können.

Es macht keinen Spaß, nur Menschen und Autos.
Die barocke Kathedrale Sant’Agata wurde ab 1629 auf den Fundamenten einer Vorgängerkirche erbaut. Die berühmte Fassade von 1696 aus goldgelbem Tuffstein, dem Carparo, ist ein Meisterwerk im Stil des Lecceser Barock. Aufgrund der engen Bebauung ist sie leider schlecht zu sehen.
Der breite untere Teil der Fassade ist in nüchternen Formen gehalten, nur der obere Teil ist reich ornamentiert.

Auch für die Säulen des Kirchenschiffes wurde der dekorative goldfarbige Carparo verwendet.

Unter dem Palazzo Granafei liegt die historische Ölmühle Frantoio Ipogeo, denn unterirdische Produktionsstätten schützten das Öl vor dem Verderben durch Hitze und Sauerstoff.
Die Oliven wurden in ein großes, steinernes Becken gefüllt, der vertikal stehende Mühlstein lief darin von einem Esel gezogen im Kreis und zerquetschte die Oliven samt Steinen.

Die Olivenmasse wurde in Presskörbe aus Pflanzenfasern gefüllt, unter die Spindelpresse geschichtet und das Öl, meist durch Sklaven, heraus gepresst.

Die Arbeiter lebten hier unten von Oktober bis März, das Essen für Mensch und Tier wurde vom darüberliegenden Palazzo Granafei hinuntergelassen, dazu Marihuana, das die Arbeiter rauchten, um Schmerzen und Stumpfsinn zu ertragen. 
Das Öl wurde für Lampen, als Schmiermittel und zur Seifenherstellung genutzt. Es wurde nach Europa geliefert, beleuchtete Großstädte wie London, Paris, Amsterdam sowie Sankt Petersburg und machte Gallipoli berühmt. Mit der Erfindung von Paraffin und der Förderung von Erdöl im Jahr 1850 brach der Markt für Lampenöl aus Gallipoli abrupt ein.
Der Innenraum der unscheinbaren Chiesa da San Francesco d'Assisi

wurde zwar nachträglich mit Barockelementen gestaltet, aber hier findet man auch die hässlichste Kirchenstatuen ganz Italiens, zwei Bettler am Kreuz. 
Die Holzfigur des guten Diebes schaut zu Jesus hin, die Holzfigur des hässlichen Malladrone, das Böse im Menschen, schaut von Jesus weg. Schade, dass man seinen grimmigen Gesichtsausdruck nicht erkennen kann, man darf leider nicht mehr näher an die Figuren herantreten.

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